Herdenschutzhunde

Herdenschutzhunde zwischen Faszination und Albtraum

Kaum eine Hunderasse ist so überfrachtet mit Mythen und Märchen, Erwartungen und Ängsten wie die Herdenschutzhunde. Die einen beschreiben sie als dauer-freundliche, „selbstlaufende“ Familienhunde, andere als hoch aggressive Monster, die unvermittelt angreifen, sogar auf einigen „Kampfhundelisten“ sind sie vertreten.

In den Tierheimen zählen sie zu den Langsitzern, für die sich niemand interessiert, die aber offensichtlich auch kaum an jemanden vermittelt werden. In den Inseraten wird nahezu einhellig ein „Kenner der Rasse“ als neuer Besitzer gewünscht. Nur: Wo sollen all diese Kenner der Rasse denn her kommen?
Und dann hat sich ein ganzer Zweig herangebildet, der sich nur den zahllosen Herdenschutzhunden in Not widmet: Nothilfen, Trainer, ­Pensionen. Und wo man als hilfesuchender Hunde­besitzer durchaus auch mal gehörig zur Kasse gebeten wird und als Allheilmittel doch auch tatsächlich schon mal einen Kochlöffel zum Draufhauen (auf den Hund versteht sich) bekommt, damit die „Dominanz“ gar nicht erst infrage gestellt wird. Sämtliche Probleme des Hundes werden per se der Rasse zugesprochen.
Aber wie sind sie denn nun, die Herdenschutzhunde?
Nun – Hunde. Ganz einfach Hunde. Und zwar – gottseidank oder ­leider, je nach Standpunkt – noch sehr ursprüngliche. Nur wir haben den Kontakt zur Natur der Hunde verloren, scheint mir.
Reizüberflutung und ihre Folgen
Ein Hund, der in unserer Welt leben muss, lebt von Anfang an in – für ihn – absolut unverständlichen Umständen: Da wird er im Alter von acht Wochen aus seiner Umgebung herausgerissen, verliert Mutter und Geschwister – ein an sich schon hoch verunsichernder Vorgang – Zeit, anzukommen und neue Beziehungen einzugehen bekommt er nicht, dafür wird er Staubsaugern, Autos, fremden Hunden, fremden Menschen, ­diversen Manipulationen und vielem mehr ausgesetzt, also mit Reizen extrem überflutet. Ohne die Sicherheit einer Halt gebenden bekannten Gruppe, die ihm die Welt erklären könnte.
Was Reizüberflutung und das Versagen existenzieller Bedürfnisse mit Menschenkindern machen, wissen wir mittlerweile – zumindest breitet sich die Erkenntnis langsam aus. Bei Hunde­kindern hingegen reagieren wir mit gänzlichem Unverständnis, wenn die als Reaktion auf den Stress das Verhalten zeigen, das am tiefsten in ihren Genen verankert ist, das sie am besten können, denn was man kann, gibt Sicherheit: Der Labrador frisst bis zum Platzen, der Border Collie hetzt das Bällchen tot, der Herdenschutzhund verteidigt Ressourcen.
Nun ist ein Bällchen jagender Border Collie vorerst einmal nicht ­gefährlich – zumindest nicht auf den ersten Blick. Auch der Frühstückssemmel-klauende Labbi nicht. Wohl aber ein zähnefletschender 60 oder 70 cm großer Kaukasischer Owtscharka oder Komondor mit 40 oder 50 kg, dem sich auch noch das „Nackengefieder“ sträubt.
Vom Mythos zur selbst erfüllenden Prophezeiung: Die Aggression
Und nun beginnt ein verhängnisvoller Teufelskreis, der die über Herdenschutzhunde kursierenden Mythen zur selbst erfüllenden Prophezeiung werden lässt:
Der Besitzer ist verunsichert, diese Verunsicherung überträgt sich auf den Hund – der wiederum noch verunsicherter wird, denn sein Herrchen signalisiert ihm ja, dass irgendetwas in der Umgebung buchstäblich zum Fürchten ist. Dass er der Auslöser von Herrchens Furcht ist – das kann ein Hund kognitiv nicht erfassen.
In der Folge werden Trainer aufgesucht, um das vermeintliche Fehlverhalten zu korrigieren, viele vertreten noch die Meinung, dass der Alpha­status des Halters wieder hergestellt werden muss, Leinenruck, Schläge – all das sind durchaus nicht selten gegebene Tipps. Und es kann durchaus passieren, dass da einem jungen Hund mit 14 Wochen die Milchzähne ausgeschlagen werden, wenn er nicht „spurt“. Und alle reden von rassetypischer Aggression, die im Ansatz bekämpft werden muss.
Aggression erzeugt Gegen­aggression – und zwar immer!
Bei Menschen wie bei Hunden. Nimmt man nun noch dazu, dass Herdenschutzhunde über die Jahrhunderte sehr konsequent auf eine hohe Toleranz gegenüber schmerzlichen Reizen – ein Wolfbiss tut weh – und auf Verteidigung von Ressourcen gezüchtet wurden, so sollte man sich eigentlich nicht wundern, dass der Hund irgendwann sehr deutlich seine Grenzen aufzeigt.
Anstatt als logische Folge des eigenen menschlichen Fehlverhaltens wird das jedoch als rassetypische übersteigerte Aggressivität und als Beweis für die Nicht-Erziehbarkeit der Herdenschutzhunde gesehen.
Ist der Herdenschutzhund denn erziehbar?
Ja, natürlich. Kein Hirte wollte je einen Hund haben, der Schafe riss, wenn er Hunger hatte, drei Tage auf einen Jagdausflug ging und auch noch ­seine Kumpels mitnahm oder die Leute, die auf den Viehmärkten seine Tiere ­kaufen wollten, zu Steaks ­verarbeitete. Der Hirte wollte einen Hund, der im Team vierbeiniges und manchmal auch zweibeiniges Gesindel von seinen Herden fern hielt und ihm dabei möglichst keine Arbeit machte, also in einem vorgegebenen Rahmen selbsttätig aufpasste – und nicht erst, wenn der Hirte „Bodo, pass auf, da kommt ein Wolf“ rief.
Die Hunde hatten also die Aufgabe, lautstark Fremdes und potenziell Gefährliches zu melden. Sollte der Hirte im Raki-, Wodka-, oder Kumiss-Tiefschlaf liegen, auch zu vertreiben – notfalls mit Verletzungsrisiko. War der Hirte aber präsent, so entschied zu allen Zeiten er, ob da ein Schafkäufer, ein Räuber oder ein anderer Hirte mit Hunden und Herde – denen freundlich zu begegnen war – im Anmarsch war. Wahllos angreifende hoch aggressive Tiere wollte kein Hirte, und fiel durch eine Laune der Natur solch ein Welpe, so lebte er nicht lange.
Und damit ergibt sich von allein, dass ein Herdenschutzhund natürlich erziehbar ist. Er hat keinen „will to please“, wie etwa manche Jagd- oder Hütehunde – der fehlt ihm völlig – aber er beachtet die Regeln in seinem Sozialverband. Nur: Der Mensch muss die Regeln aufstellen und ggf. durchsetzen, auch wenn Bodo in seinen Bart grummelt und Missmut zeigt. Denn auch das Recht hat Bodo: Zu sagen, ich hab grade keine Lust – er ist ja ein Lebewesen und keine Maschine. Damit Bodo allerdings wirklich glaubt, dass er trotzdem folgen und Oma Hilde hereinlassen soll, gehört, dass er seinen Menschen als Autorität wahrnimmt, der man sich gerne anschließt, weil sie Sicherheit, Futter und überhaupt ein angenehmes Leben verspricht und – vor allem – sich in dieser für den Hund gänzlich unverständlichen Welt aus­zukennen scheint. Und dass er eine gute Beziehung zu seinem Menschen hat. Fremden gehorcht er nicht.
Ein Hundebesitzer, der bei jeder Hunde­begegnung draußen die Leine kurz nimmt, schweißnasse Hände bekommt und einen Puls von 200 hat, der autogenes Training braucht, bevor er seinem Hund erklären kann, dass das Bett NICHT seins ist und Oma Hilde willkommen – der kann seinem Hund diese Sicherheit und Autorität nicht vermitteln. Auch keiner, der sich persönlich in Frage gestellt fühlt, wenn der Hund per Grummeln zeigt, dass er das schmerzende Ohr jetzt in Ruhe gelassen haben möchte und man sich sein Ohrmittel doch bitte selber verabreichen möge.
Ich habe den Eindruck, wir erwarten von unseren Hunden mittlerweile mehr und mehr, dass sie zu per Knopfdruck funktionierenden ­Befehlsempfängern werden. Jede natürliche Regung, jeder Wunsch nach Selbständigkeit, nach in Ruhe gelassen zu werden, jeder ­Ausdruck von Gefühlen oder ­Wünschen wird als Unbotmäßigkeit aufgefasst, normales hundliches Verhalten unterbunden, weil es eklig (Kot fressen z.B.) oder aggressiv (sehr körper­betont spielen) ist – für Menschen. Und wenn der Hund auf diese extrem unnatür­lichen Haltungsbedingungen reagiert, ist er ein Problemhund. Und dabei hat er doch nur einen Problemmenschen …
Herdenschutzhunde haben in diesem Kontext einfach das Pech, dass sie groß und respekteinflößend sind und bei ihnen eine missmutige Reaktion als sehr viel bedrohlicher wahrgenommen wird als beim Westie. Die ­Außenwirkung ist also eine andere. Und sie sind Wachhunde, über Jahrhunderte auf diese Eigenschaften hin selektiert. Denn wer sie nicht hatte, wurde getötet. Unnütze Fresser konnte man sich nicht leisten. Damit muss man umgehen können – und wollen.
Für wen eignet sich also ein Herdenschutzhund?
Ganz sicher muss man KEIN Kenner der Rasse sein. Wohl aber eine in sich ruhende Persönlichkeit, bei der der Hund KEINEN anderen Zweck er­füllen muss als Freude am Dasein und an gemeinsamen Unternehmungen und/oder gemeinsamer Arbeit. Denn zum „Egobooster“ eignet sich der Herdenschutzhund nicht. Und: Man sollte durchaus über eine gewisse Körperlichkeit verfügen und sich auch nicht scheuen, im Falle eines Falles per Rempler Präsenz zu zeigen. ­Junge Rüden sind Grobmotoriker – und im ersten Hormonhoch schon mal etwas abgelenkt. Und am wichtigsten: ­Lassen Sie den Hund Hund sein.
Was der Herdenschutzhund Ihnen nicht geben kann:
Selbstbewusstsein und Schutz. Wenn Sie selbst unsicher sind, wird Ihre Unsicherheit sich immer auf den Hund übertragen und dafür sorgen, dass er immer heftiger Ressourcen verteidigt. Was er als Ressource ansieht, kann dabei sehr unterschiedlich sein: Das Sofa, alles Essbare, Frauchen oder Herrchen, die Kinder, das Auto oder auch das ganze Haus samt sämtlicher Inhalte.
Auch den Bezug zur Natur werden Sie vom Hund nicht bekommen, wenn Sie ihn nicht schon haben. Ein Herdenschutzhund ist – noch – „Natur pur“, aber die muss man auch so nehmen und zulassen können. Ohne Bezug zur Natur und zu natürlichen Verhaltensweisen geht das nicht.
Was braucht ein Herdenschutzhund?
Ein Herdenschutzhund braucht ­weniger das große Grundstück, als eine Umgebung in der sich fortlaufend etwas ändert, das er registrieren, mit dem Normalzustand vergleichen und bewerten kann. Das können Nutztiere sein, aber auch eine Bushaltestelle oder ein Kindergarten gegenüber. Er wird wenig bellen, sobald er erst ­einmal alles kennt, denn er meldet per se nur Unbekanntes. Das allerdings laut.
Dann braucht er eine moderate Ernährung mit einem ordentlichen Futter, dazu mal einen Joghurt oder Quark oder die Reste des Mittag­essens, ab und an mal einen Knochen, Getreide. Er brauchte KEINE hoch proteinhaltige Nahrung, denn er wurde über Jahrhunderte auf Futtergenügsamkeit gezogen.
Darüber hinaus braucht er viel freie Bewegung in eher langsamem, gemütlichem Tempo, viele Wetterreize und Hundegesellschaft. Aus der Erfahrung von 20 Jahren mit einer kleinen privaten Notstation kann ich sagen, dass Herdenschutzhunde aufblühen und nicht selten jegliches Problemverhalten ablegen, wenn sie passende Hundegesellschaft bekommen. Herdenschutzhunde waren und sind einfach Teamarbeiter: Ein Hund allein kann keine Herde schützen.
Und dann bleibt er auch zuhause und bricht nicht aus. Dennoch sollte man hohe Zäune haben, denn die Nachbarn fühlen sich sicherer, wenn der Hund nicht ausbrechen kann – auch wenn er es nie tut. Und viele Menschen haben einfach Angst vor Hunden. Herdenschutzhunde sind da eine Heraus­forderung: Groß, oft dunkel oder zumindest mit schwarzem Gesicht, wenig Kuschelfaktor.
Welche Rasse für wen?
Das ist letztendlich Ihrem Geschmack überlassen. Meiner Erfahrung nach unterscheiden sich die Hunde weit mehr aufgrund unterschiedlicher Sozialisation als aufgrund unterschiedlicher Rassen, auch wenn es Unterschiede gibt.
Wenn Sie freie Wahl haben: ­Wählen Sie einen Hund, der in einer gemischtgeschlechtlichen Hundegruppe mit erwachsenen Hunden zur Welt gekommen ist und im Sicherheit gebenden Beisein dieser ­Gruppe schon einiges kennen lernen ­durfte: Andere Tiere, Kinder, andere ­Menschen, Autofahren, den Tierarzt. Und übernehmen Sie ihn aus solchen Bedingungen frühestens mit 10 bis 12 Wochen.
Der Herdenschutzhund aus dem Tierschutz?
Ja, gerne. Auch erwachsene Herden­schutzhunde gliedern sich noch ein und werden zu treuen Begleitern. Allerdings brauchen sie Zeit zum Ankommen in ihrer neuen Familie. Und Zeit heißt für einen Herdenschutzhund drei Monate aufwärts. Besetzen Sie in dieser Zeit alles, was mit Ihnen zu tun hat, positiv und tolerieren Sie es, dass er Sie möglicherweise erstmal per Brummen oder Lefzen-heben auf Abstand hält. Er will ganz sicher trotzdem nicht die Weltherrschaft übernehmen. Herdenschutzhunde fremdeln sehr und wollen von Fremden auch ganz bestimmt nicht angefasst bzw. manipuliert werden, schon gar nicht, wenn alles Vertraute mal eben „per Fingerschnippen“ im Nirwana verschwunden ist. Aber aus der Erfahrung kann ich garantieren, dass früher oder später jeder Herdenschutzhund beschließt, dass Menschen was ­Feines sind – und eigene Menschen erst recht.
Auch wenn sie mit ihrem „will to ­please“ ganz sicher niemals irgendwo einen Blumentopf gewinnen werden: Herdenschutzhunde wurden jahrhundertelang auf eine Affinität zu Menschen hin selektiert. Sie hätten sonst niemals vernünftige Arbeit leisten können. Herdenschutz hat immer geheißen „zuarbeiten“. Unbehirtete Herden sind ein absolutes Novum der Neuzeit.
Unvergessen ist mir da Cäsar, in den sechziger Jahren im Bayerischen Wald: Er streunte durchs Dorf, wenn er Lust hatte, vertrug sich dabei mit Hund-Katze-Maus und allen Kindern, bewohnte zuhause eine schöne Hütte und hat schon mal den „Kracherlmann“ (heute: den Getränkelieferanten) für drei Stunden bei sengender Hitze auf die leeren Kästen vor unserer Haustür gefesselt. Wir wurden ausgesprochen sehnsüchtig erwartet. Und nein, Cäsar war kein Herdenschutzhund. Cäsar war ein ganz normaler Bernhardiner. Und sein Verhalten das ganz normale, übliche Verhalten eines Wachhundes – wie es die Herdenschutzhunde auch sind. Nur die Zeiten waren andere. Damals wussten die Menschen noch, wie man sich solchen Hunden gegenüber verhält.
Wie man sich einem fremden ­Herdenschutzhund auf seinem eigenen Territorium gegenüber verhält
Wenn der Hund Sie knurrend stellt: Ausatmen, wegschauen, die Schultern hängen lassen, betont entspannt atmen, ruhig bleiben. NICHT schreien oder herumfuchteln, NICHT bewegen. Einfach stehen bleiben, die Ameisen zu ihren Füßen zählen und warten, bis der Hund das Knurren reduziert, ein oder zwei Schritte rückwärts macht, auch mal woanders hinsieht. Dann – UND ERST DANN – können Sie bei entspannter Haltung und Atmung und ohne den Hund anzusprechen oder ­anzusehen, ­rückwärts Schrittchen für ­Schrittchen das Territorium des Hundes verlassen. Bitte nie ver­suchen, vorwärts an dem Hund vorbei zu kommen. In der Regel wird der Hund so froh sein wie Sie, wenn Sie sein Territorium verlassen haben. Unser Kracherlmann hatte leider die Hausmauer im Rücken und vor sich den Hund … In solchen Fällen: ­Warten, bis der Besitzer kommt.
Und der wichtigste Tipp: Nehmen Sie Ihren Hund einfach als Hund. Ein bisschen groß, ein bisschen speziell, aber – unterm Strich – einfach nur ein Hund.

Quelle:WUFF Hundemagazin,Sabine Lagies